II. Theil.
Rauenſtein.
Unter allen merkwürdigen und alterthümlichen Ritterburgen unſeres ſächſ. Hochlandes verdient wohl mit Recht das Schloß Rauenſtein genannt zu werden, denn nicht nur in Bezug auf ſeine Alterthümlichkeit, ſondern auch hauptſächlich wegen ſeiner höchſt maleriſchen Lage bietet es dem Beſchauer, dem Alterthums- und Naturfreund ein ganz beſonderes Intereſſe. Zweifellos hat wohl ſchon Mancher, die grauen Mauern nach alter Zeiten Kunde fragend, vor ihr geſtanden, und ſo glaubt der Verfaſſer dieſer Zeilen, es dürfte auch weitere Kreiſe intereſſieren, hier einige, wenn auch nur ſpärliche Mittheilungen über die Vergangenheit der Burg aufgezeichnet zu finden. Es hat verſchiedener Wind um ſie herumgeweht, und es ſind der jahre Wandlungen mancherlei und zum Mindeſten gewiß auch an ihr nicht ſpurlos vorünergezogen. Mit Sicherheit iſt anzunehmen, daß die Burg Rauenſtein im 30jährigen Kriege hart mitgenommen und in Brand geſteckt wurde, zeigen ſich doch noch Spuren an verſchiedenen Gebäudetheilen, die auf jenen Brand zurückzuführen ſein dürften. Durch den brand wurde ſie jedooch nur zum Theil zerſtört, während der größere Theil der Burg davon verſchont blieb.
Eine Anſicht aus dem Jahre 1626 zeigt, daß die Burg ehemals bedeutend größer war. Ueber dem Tunnel derſelben befand ſich ein größeres Gebäude, welches entweder nach dem ſtattgefundenen Brande nicht wieder zum Aufbau gelangte, oder aber im Verlauf ſpäterer Zeit abgebrochen wurde. In ſpäteren Zeiten hat die Burg Rauenſtein ſo verſchiedentliche bauliche Veränderungen erlitten, ſodaß ihre ehemalige Geſtalt nur ſpärlich wieder zu erkennen iſt.
Was zunächſt die Begründung der Burg betrifft, ſo kann dieſe nicht beſtimmt werden. Nur ſoviel ſteht feſt, daß ihre Exiſtenz uralt iſt. Schon einen geraume Zeit mögen ihre alterthümlichen Gebäude, am allerlängſten wohl der quadratiſche Thurm und die dieſem zunächſt umgebenden Räume, welche unſtreitig die älteſt en Bautheile der Burg bilden, herabgeblickt haben in das ſo prächtige, ſchöne Flöhathal, viele Hundert Male mögen die, die Burg umgebenden, bemooſten Laubbäume ihr im Herbſte vergilbtes Kleid abgeſchüttelt haben, um es imit jedem nächſten Frühjahr von Neuem mit einem friſchen, grünen zu vertauſchen zur würdigen Mitfeier der jährlichen Brautfahrt der wiederverjüngten Natur.
Die Errichtung der Felſenburg Rauenſtein, mag auf die Zeit des 11ten Jahrhunderts zurückzuführen ſein, als die verſchiedenen Burgen und Schlöſſer in unſerem ſächſiſchen Hochland in Zschopau, auf dem Burgberge bei Zöblitz, auf dem alten Lauterſteine errichtet wurden.
Ihre urälteſten Beſitzer haben wohl auch das Räuberhandwerk betrieben, zu zu dieſen Zeitn überall gebräuchlich im Deutſchen Reiche, bis dieſem Unweſen im 14. Jahrhundert mit gewaffneter Hand ein Ende gemacht wurde.
Die Burg Rauenſtein wird im Mittelalter Ruwenſtein (1323) Ruwynstein (1369) ⁊c. ꝛc. genannt. Schiffner in ſeinen handſchriftlichen Zuſätzen a. a. O. vermuthet als urſprünglichen Namen Rowenſtein udn iſt geneigt, dieſen mit den ſlawiſchen Rowen, Rowney, Rowna in Verbindung zu bringen, welche Wörter auf Burg gedeutet werden.
handschriftl. Anm.: „1369 befand sich R. bereits bei den Waldenburgern“
In der erſten Häfte des 14. Jahrhunderts gehörte Rauenſtein denen von Schellenberg, ging dann im Jahre 1369 als Lehn der Markgrafen in den beſitz der Herren von Waldenburg und im Jahre 1480 in den der Güntherode über. Einer der Beſitzer, Hans von Güntherode erbat ſich zur Zeit der Reformation vom Dr. Luther „einen wackeren Geiſtlichen“, welcher ihm ſeinen Famulus Hieronymus von Hirſcheid ſendete, der am Himmelfahrtstage 1540 den erſten evangeliſchen Gottesdienſt in hieſiger Kirche hielt. Im Jahre 1567 kaufte Churfürſt Auguſt der Güntherode’ſchen Familie das Rittergut Rauenſtein mit Lengefeld, Reifland und dem Vorwerk Wünſchendorf ab und zwar im Jahre 1559 von Hans von Güntherode das Vorwekr Wünſchendorf, welches ein Jahr ſpäter zu einem beſonderen Rittergute erhoben und von dem Churfürſten einem Richard von Böhlau in Lehn gegeben wurde, von Heirich und Albrecht von Güntherode aber Rauenſtein ſelbſt, welches ſpäter am 1. März des Jahres 1651 vom Churfürſt Georg den Erſten an Jobſt Chriſtoph von Römer für 24000 Fl., aber nicht in ſeiner ganzen Ausdehnung verkauft wurde. Ein beträchtlicher Theil der Waldungen nämlich zumd zwar ein theil des Heinzewaldes mit den darin befindlichen Lengefelder Kalkbrüchen und das noch heute nach der Güntherode’ſchen Familie genannte „Günthersholz“ blieb, wie dies noch jetzt iſt, landesherrliches Eigenthum.
Noch zu jener Zeit wallfahrtete man nach dem in der Nähe der erwähnten Kalkbrücke an einer alten großen Eiche angebrachten Marienbilde. Daſſelbe iſt bis jetzt noch erhalten geblieben und befindet ſich z. Zt. an einem Pfahl angebracht, knapp an der Freiberg-Annaberger Straße.
An beſagtes Marienbild knüpft ſich folgegnde Sage:
„Zur Zeit, als das Wolenſteiner ſog. „Warme-Bad“ (urkundlich genannt: „Zu unſer Lieben Frawen aufm Sande“) wegen ſeiner wunderthätigen Heilkraft einen Weltruf hatte, befand ſich daſelbſt eine ſchwangere polniſche Gräfin zur Kur. Dieſeelbe reiſte wegen der ihr in nicht zu ferner Zeit bevorſtehenden Niederkunft vom beſagten Bade wieder ab, ihre Entbindung erfolgte jedoch ſchon, als ſie auf der von Freiberg nach Annaberg führenden Landſtraße (damals Silberſtraße genannt) an derjenigen Stelle angelangt, wo heute noch das Marienbild zu ſehen iſt. Sie gelobte an dieſer Stelle der Mutter Gottes, daß, wenn ihre erfolgte Niederkunft für ſie und ihr Kind ohne Folgen bleiben würde, ſie aus Dankbarkeit ein Mutter-Gottesbild an dieſer Stelle errichten wolle.“
Andererſeits wird das Marienbild als ein Ueberbleibſel aus der kathol. Zeit bezeichnet. Die Reformation wurde in Lengefeld – wie bereits vorſtehend erwähnt – 1540 eingeführt.
Während der Beſitzzeit des genannten Chriſtoph von Römer fand ſich auf Schloß Rauenſtein am 21. September 1671 fürſtlicher Beſuch ein, indem der Churprinz, ſpäter Churfürſt Johann Georg II. auf einer Reiſe in’s Erzgebirge, welche an dieſem Tage von Freiberg aus nach Annaberg fortgeſetzt wurde, kurze Raſt auf dem Rauenſtein (Rawenſtein) hielt.
*) Ein auf dem hieſigen Kirchplatz befindliches Marmordenkmal mit den Emblemen der Freimaurerei iſt zum ehrenden Gedächtnis des Genannten geſetzt.
**) Das mit einem eiſernen Gitter umzäunte und von einer rieſigen Linde umſchattete Erbbegräbniß birgt die irdiſchen Ueberreſte der von Carlowitz. Nach einem Vermächtniß findet alle Jahre am 28. Auguſt eine Gedächtnißpredigt auf beſagtem Erbbegräbnißplatz ſtatt, bei deſſen Gelegenheit die Gräber von Schulknaben und Schulmädchen mit Blumen beſtreut werden.
Das Geſchlecht der Römer, das überhaupt und zunächſt für die Kirche in Lengefeld ſo wohlthätig ſich erwieſen hatte, erloſch im Jahre 1743 mit Carl Gottlob von Römer, der kinderlos ſtarb. Seine Wittwe verheirathete ſich mit dem Domherrn und Geheimen Kriegs- und Appellationsrath vonn Spohr, welcher ein Herr von Rauenſtein wurde. Nach ſeinem Tode im Jahre 1750 erbte der Appellationsrath Baudiß Rauenſtein.*) Da auch deſſen Sohn Andreas Gottfried Baudiß im Jahre 1784 ohne Kinder ſtarb, ſeine Witwe aber, zuvor verehel. geweſ. von Carlowitz, die ihm zugefallene Herrſchaft bei ihrem, dem 9. Februar 1810 erfolgten Tode ihrem Sohne erſter Ehe überließ, ſo wurde nun der Rittmeiſter Georg Friedrich Auguſt von Carlowitz Beſitzer von Rauenſtein,**) welcher es im Jahre 1816 an den Kaufmann Auguſt Hänel in Schneeberg verkaufte. Dieſer übergab es im Jahre 1844 an den Freiherrn Eugen Wolfgang von Herder, Oberbergamtsaſſeſſor in Freiberg. Letztgenannter, dem Lengefel eine Stiftung unter dem Namen „das von Herder’ſche Legat“ verdankt, Beſitzer von Rauenſtein, ſowie deſſen Vorbeſitzer, ruhen in einem im Jahre 1853 errichteten Erbbegräbniſſe auf der öſtlichen Seite unfern der Stadt am, auf einer mäßigen Höhe gelegenen, ſogenannten „Steinbüſchel“, wo das Auge einen angenehmen Rundblick hat über eine weite maleriſche Gegend. Wie träumend ſchaut das Mauſoleum in das tiefe, herrliche Thal, wo immer noch der Strom nach tauſendjähriger Thätigkeit ſeine Gewäſſer zum Ocean ſendet, während es ſelbſt, ein Bild irdiſcher Vergänglichkeit, die Seel zu ernſter Betrachtung ſtimmt.
Nach dem im Jahre 1853 erfolgten Ableben des Obengenannten ging Rauenſtein in den Beſitz der Erben des Genannten über, von welchen dann im Jahre 1856 die Beſitzung Rauenſtein an den derzeitigen Eigenthümer Herrn Wilhelm von Herder verkauft wurde.
Das alte Bergſchloß Rauenſtein, deſſen Gründung, wie ſchon oben erwähnt, aus Mangel an Urkunden ungewiß iſt, erhebt ſich mit ſeinem grauen, verwitterten Gemäuer, auf einem Felſenvorſprunge in einer Schlucht am Abhange eines ſteilen, von der Flöha beſpühlten Berges. Rings um Rauenſtein iſt ein dichter, durch groteske Felſengruppen verſchönter Laubwald mit prächtigen Eichen, Buchen, Ulmen, Ahorn, Birken, der dem luſtwandelnden Freund der Natur beſonders im Frühjahr und Herbſt hohen Genuß gewährt. Die Ausſicht in das maleriſche Thal der Flöha und namentlich die von der entgegengeſetzten rechten Seite auf dem Wege von Reifland nach Rauenſtein hinüber iſt überaus romantiſch und maleriſch ſchön zu nennen.
Das Schloß beſteht eignetlich aus nur noch wenigen Ueberbleibſeln der uralten Burg, und aus dem neuen Anbaue. Die vielfach veränderten Bautheile, des einheitlichen Charakters, wie einer ausgeſprochenen Architektur entbehrend, gruppieren ſichum einen ſtarken runden und um einen mächtigen quadratiſchen Thurm. welcher den höchſten Punkt des Schloſſes bildet. Die Ausſicht von da aus in die Ferne iſt, wie zu Wolkenſtein und Scharfenſtein, wegen der Höhe der umliegenden Berge, zwar beſchränkt aber immerhin höchſt romatiſch. Beide Thürme ſind als die älteſten Bautheile, als Wachbefeſtigungen zu bezeichnen, an welche ſich nach den jeweilig auftretenden Bedürfniſſen, wie bei allen ähnlichen Befeſtigungs- und Wohnbauten, die übrigen Theile ſchloſſen. Ohne Zweifel diente der eine, quadratiſche Thurm in den früheren Kriegen und zur Ritterzeit zum Ausſpähen des Feindes als ſogenannter Wartethurm.
Die Bauten ſind unmittelbar auf dem Felſen errichtet, an der Südſeite iſt ein weiter, tunnelähnlicher Verbindungsgang in denſelben gehauen, nördlich iſt eine Ausfallthür angebracht und unter dem quadratiſchen Thurm befindet ſich ein ſogen. Burgverließ, ſowie ein jetzt zugeſchütteter Schlott, welcher von der oberſten Etage des Thurmes aus bis zum Spiegel der Flöha führen ſoll. Den Raum, welcher als ehemalige Burgkapelle bezeichnet wird, ziert eine gemalte Holzdecke, desgleichen den ſogen. „Fürſtenſaal“, beide Decken ſtammen aus der erſten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Fachwerkstheile, welche einige Bautheile abſchließen, ſind zum Theil laut der an dem vorderen Hauptfrontgebäude angebrachten Jahreszahl im Jahr 1630 entſtanden. Die weſtliche Vorhalle zieren gemalte Abbildungen von in der Nähe des Schloſſes erlegten, durch Größe und Seltenheit ausgezeichneten Wild.
Der Vorhof der ehemaligen Burg theilt ſich in den unteren, gegenwärtigen Wirthſchaftshof und den oberen, der zum Theil Garten geworden iſt und auf der öſtlichen Seite von einem älteren Gebäude eingeſchloſſen wird.
Im vorderen Vorhofe iſt eine große, kunſtvoll gearbeitete marmorne Brunnenſchale aufgeſtellt, ein Geſchenk des Königs Friedrich II. von Preußen an die Vorfahren mütterlicherſeits des jetzigen Beſitzers Herrn Wilhelm von Herder.
Am oberen Eingang zum Schloſſe befinden ſich innerhalb der Eingangsthür des Gartens 2 gegeneinander aufgeſtellte Walfiſchrippen, welche auf dieſe Weiſe einen Thorbogen bilden.
Die das Schloß Rauenſtein umgebenden Parkanlagen ſind einfach, wie man ſie hier gar nicht anders wünſchen möchte; unter dem Schatten der Bäume in ihnen dahinwandelnd, gelangt man an der unteren Seite von dem Rauenſteiner Gaſthaus aus ſich auf dem Wege links haltend, an einer Tanne vorbei, welche wohl in hieſiger Gegend als die älteſte und ſtärkſte bezeichnet werden kann; ſie mißt am Stammende im Umfang 4 ½ m. Leider iſt dieſelbe ihres ſchönſtens Schmuckes, der Spitze, durch einen Blitzſtrahl beraubt worden.
Freundlich und einladend iſt das Thal unterhalb des Schloſſes am linken Ufer der Flöha, welches größtentheils mit Schwarzholz und Buchenholz bewaldet iſt.
Unter den Felſen am linken Ufer der Föha zeichnet ſich vorzüglich einer aus, der ſich hoch und ſteil über die Flöha erhebt. Dieſer Felſen, der vom hieſ. Verſchönerungs-Verein vor einigen Jahren mit einem eiſernen Gelände umzogen worden iſt, iſt unter dem Namen „Jüdenſt ein“ bekannt. Wie der Volksmund erzählt, hätte dieſer felſige Koloß ſeinen Namen daon erhalten, daß einſt ein von den Raubrittern auf Rauenſtein in die Flucht gejagder Jude, um ſeinen Verfolgern zu entgehen. von der Höhe dieſes Felſens in den Fluß hinabgeſprungen, auch glücklich entkommen ſei. Von dieſem Punkt aus hat man einen prächtigen, überaus intereſſanten Einblick in das herrliche Thal. Tief unter uns murmelt das klare Waſſer der Flöha, leiſe begleitet vom Säuſeln des Windes in den Wipfeln der Bäume, deren Kronen ſich tief unter uns neigen.
Ein anderer, ſchöner, erwähnenswerther Punkt iſt der in unmittelbarer Nähe des genannten „Jüdenſteins“ gelegene ſogen. „Oberammergauerblick“. Einen herrlichen Blick gewinnt man von da aus in das Thal der Flöha, deren Lauf man auf eine ziemliche Strecke verfolgen kann. An beiden Ufern reihen ſich die Gebirge enggeſchichtet hintereinander fort, bis ſie ſich in ferne, ſchwarzblaue Waldungen zu verlieren ſcheinen, über welche, was für ein gutes ſcharfes Auge den ſchönſten Anblick gewährt, das majeſtätiſche Schloß Auguſtusburg auf dem hohen Schellenberg mit der Kirche von Stadt Schellenberg hervorragt und ſo das Bild abſchließt. linkerſeits lugt Schloß Rauenſtein aus dem daſſelbe umgebenden Laubwald hervor; rechtsſeitig zeigt ſich der herrliche Buchenwald, das ſogen. Seitenholz, auch „Günthersholz“ genannt, welcher namentlich im zeitigen Frühling, wenn die Buchen im erſten Laubſchmuck, und im Herbſte im größten Farbenſchmuckprangen, einen überaus reichen Naturgenuß gewährt. Der ganze Blick giebt ein ſolch anmuthiges, liebliches Gebirgsbild, daß man ſich ſo leicht nicht ſatt ſehen kann.
Auf der dort angebrachten Bank mag man gern eine Zeit verweilen und die Blicke hineinbannen in das ſchöne Flöhathal, wo die dunklen Bäume melancholiſch über die vielgeſtaltigen Felsblöcke herüberhängen, wilde Blumen auf ſchlankem Stengel träumeriſch die Häupter wiegen und in den erſten Lenzwochen das Veilchen heimlich verſteckt zwiſchem hohem, üppigem Gras und räthſelhalft verſchlungenen Blättergewirr ſich duckt oder mit den keuſchen blauen Augen uns fragend entgegenblickt – „hat Dir der Lenz gebracht, was Dein ſehnendes Herz verlangt, Glück und Lieb und Liebe und Glück ?“ –, wo im Hochſommer die bunt ſchillernde, kluge Eidechſe über und unter dem Geſtein behende hinſchlüpft und die gleißende Blindſchleiche auf dem Sande ſchläft, – gewiß, wenn Du recht andächtig dieſe kleine und doch ſo erhabene Welt betrachteſt und dabei das Rauſchen der Bäume, das Brauſen des Waſſers, immer in einem gleichmäßig fort, in Dein Ohr fällt, – gewiß, Du magſt dahier, nichts beklagens und nichts verlangend, alles vergeſſen, was Deine Seele heimlich leidvoll bewegt oder ſonſt zu allen Stunden Dir auf dem Herzen liegt, – ſo weltfern hier, ſo ſelig einſam, abgeſchieden, – erlöſt von all dem Geſchwätz und Geſchrei und Gezänk da draußen –.
Der „Oberammergauerblick“ – biſt Du einmal droben geſeſſen an einem warmen, leuchtenden Frühlings- oder Sommermorgen, wenn die Natur mit verſchwenderiſchen Händen des Jahres Hochpracht über die Erde ausgeſtreut ? – bietet ein wunderſames Schauſpiel, ein entzückendes Durcheinander von Farben und Tönen, das ſich da droben dem Auge darſtellt, und es iſt ſeliger Genuß, wie er „einzieht, durch die Augen und Ohren und all’ die Sinne, der liebe, der ſchöne Wald“ – nach P. K. Roſegger’s herzigen Worten, – „als wär man erſt heute vom Himmel gefallen auf das weiche, kühle Moos im Schatten.“ Und gewiß, Du mußt ihn merken, den heren, ſüßen Waldfrieden, – und wenn Du heimkehrend unter den dichten, leiſe wogenden Baumkronen, klingt es Dir nicht wie ein ſeliger Abſchiedgruß in Deiner Seele nach:
O ſchöner, grüner Wald,
Du meiner Luſt und Wehen
Andächt’ger Aufenthalt !
Da draußen ſtets betrogen
Sauſt die geſchäft’ge Welt;
Schlag’ noch einmal die Bogen
Um mich, Du grünes Zelt !“
