Geschichtliche Nachrichten über Lengefeld und Rauenstein,

mit kurzem Hinweis auf die höchst romantische Lage und Umgebung Rauensteins.

Gesammelt von Hermann Endler.

1893.

I. Theil.

Lengefeld.

Vor ungefähr 700 Jahren noch, als die Tiefebene Böhmens und Sachſens längſt ſchon mit zahlreichen Städten und Dörfern theils ſlaviſchen, theils deutſchen Urſprungs überſäet waren, bildete das zwiſchen beiden ſich hinziehende Erzgebirge einen großen, undurchdringlichen Wald, „Miriquidi“ genannt, der von nützlichem Wildbret aller Art, aber auch von gefährlichen Raubthieren, wie Bären, Luchſen, Wölfen bewohnt und belebt war.

Erſt ſeit Entdeckung des Erzgehaltes unſerer Berge und der damit in Verbindung ſtehenden Gründung Freibergs um das Jahr 1180 drang der Menſch und mit ihm die Cultur in dieſen Urwald ein. Der Bergmann kam und ſuchte geſchäftig nach dem edlen Metall und ihm voran als ſein Pionier zog der Kohlenbrenner, welcher die zum Schmelzen der Erze nöthige Kohle lieferte, denn überall, wo ein ergiebiges Bergwerk angelegt war, wurden auch im Laufe einiger Jahrzehnte die Wälder rings umher durch den großen Verbrauch von Kohle und Bauholz verwüſtet und man war genöthigt, beides immer höher vom Gebirge herabzuholen. Unſere Gebirgsorte ſind demnach verhältnißmäßig jüngeren Alters und verdanken ihren Urſprung zum großen Theile dem Bergbaue, ſo wohl auch unſer Ort Lengefeld.

Ueber die Gründung Lengefelds ſind beſtimmte Nachrichten nicht aufbewahrt geblieben. Nicht wie bei anderen Städten gab eine angelegte landesherrliche Burg die Veranlaſſung zum Aufbau des Ortes, ſondern es darf wohl mit größter Wahrſcheinlichkeit angenommen werden, daß die Gründung unſerer Stadt in das 16te Jahrhundert fällt, daß ſie alſo kurz nach der Erbauung Marienbergs (1521) in’s Daſein gerufen worden iſt. Möglich, daß Lengefeld eine Colonie von Marienberg, wohin der reiche Bergſegen in dortiger Gegend die Anſiedler von nah und fern anlockte, denn Jeder wollte Theil an dem großen Reichthume haben, den man aus dem Mutterſchooße der Erde zu Tage herauf beförderte, bildete.

Nicht aber ausgeſchloſſen ſcheint, daß ſchon längere Zeit vor gedachtem Zeitpunkte einzelne Häuſer und Guthswirthſchaften in unſerer Gegend geſtanden haben in Abhängigkeit und unmittelbarem Beſitze von Rauenſtein. Der damalige Herr nun auf Rauenſtein ſoll um das Jahr 1520 vom Herzog Georg die Erlaubniß ſich auserbeten haben, auch eine Stadt anlegen zu dürfen. Um ſeinen Plan auszuführen, gab er einen größeren Flächenraum von einem ihm gehörigen Gute „Lehngut“ genannt, her (daher wohl noch der ſogenannte Lehngarten mitten in der Stadt, der Lehnteich in unmittelbarer Nähe der stadt und das in 8 Theile zerlegte, verſchiedenen Beſitzern antheilig zugehörige „Lehngut“, deſſen Fluren ſich von der mittleren Stadt aus in der Richtung nach Wünſchendorf zu bis an die Lautenbach erſtrecken) und zwang andere Grundſtücksbeſitzer zu ähnlichen Grundſtücksabtretungen, ſodaß dadurch Raum und Platz für den Marktplatz und die einzelnen Gaſſen gewonnen ward. Man ſtattete nun auch dieſe neue Stadtanlage, der im Jahre 1645 die Stadtgerechtigkeit verliehen wurde – vorher war Lengefeld noch Dorfgemeinde, wie ein aus dem Jahre 1595 ſtammendes Siegel, welches im Feld 4 Querſtreifen und die Umſchrift „S. Dorfgemeinde Lengefeld“ trägt, beſagt – mit beſonderen Vorrechten aus, beſonders auch mit Berggerechtigkeit, um Fremde zur Anbauung herbeizuziehen. Daß in und um Lengefeld der Bergbau betrieben wurde, beweiſen unter anderem ein im hieſigen Rathsarchiv vorhandenes Aktenſtück über die Aufſuchung einiger Bergzechen auf Lengefelder und Rauenſteiner Fluren vom Jahre 1745 und einige Stollenſchächte in hieſiger Nähe. Der eine befindet ſich an der Roßbach auf dem ſogenannten „Bauerstoffelgut“, der andere in der Nähe des Kalkwerks Lengefeld an der ſogen. „Schanzbach“ auf dem Schrötergute.

Noch im Jahre 1781 nahmen Bergleute die auf dem „Wagner’ſchen Gute“ befindliche Bergzeche wieder auf und fingen im Monat Mai an zu bauen.

Bis zum Jahre 1831 verblieben dieſe Gerechtigkeiten im alleinigen Beſitz der in jenen Zeiten an- und eingebauten Häuſern, von dieſer Zeit an wurden dieſelben jedoch allen Bewohnern Lenegfelds, auch den Bewohnern des oberen und unteren Theils von Lengefeld, welche Ortstheile das untere und obere Dorfe Lengefeld bildeten, zur Vermeidung ärgerlicher Unzuträglichkeiten verliehen. So z. B. entſtanden mehrfache Streitigkeiten zwiſchen den Webermeiſtern des „Städtleins“ Lengefeld und den Webern des Dorfes Lengefeld. Erſtere duldeten nicht, daß die Dorfweber Lehrlinge in ihrem Gewerbe ausbildeten und Geſellen beſchäftigten.

Anders dagegen verhielt es ſich mit der Brau-Gerechtigſame, dem Salzſchank, der vollen Gaſthofsgerechntigkeit. Derartige Gerechtſamen ruhten, ſozuſagen, auf der Schwelle des berechtigten Grundſtücks.

Dieſe Gerechtſamen wurden außer den im Grund- und Hypothekenbuche als Realrecht eingetragenen Gaſthofsgerechtigkeiten durch die im Jahre 1861 eingeführte Gewerbefreiheit außer Kraft und Wirkſamkeit geſetzt.

Ueber die Entſtehung und Bedeutung des Namens „Lengefeld“ läßt ſich ſtreiten. Den Namen ſoll der Ort, wie der hier im Jahre 1748 verſtorbene Pfarrer Ludwig im 18ten Jahrhundert berichtet, „von den Leinwandlängen, ſo hier verfertigt werden und fie ganze Nahrung des Ortes ausmachen,“ erhalten haben.

Dieſer Anſicht iſt wohl wenig beizupflichten, vielmehr darf wohl mit größter Sicherheit angenommen werden, daß die erſten Bewohner von Lengefeld Berg- und Ackerbautreibende waren und daß die Weberei erſt in ſpäteren Zeiten, nachdem der Bergbau nicht mehr ergiebig und lohnend genug war, Eingang hier fand und von den Dorfbewohnern als Nebenerwerb während der Wintermonate betrieben wurde. Noch heutigen Tags giebt es im nahen Forchheim und in deſſen unmittelbarer Nähe Weber, die hauptſächlich im Winter mit Weben von Leinwand ſich befaſſen.

Der Name „Lengefeld“ düfte wohl mehr auf ſeine örtliche Lage zurückzuführen ſein, zieht ſich doch der Ort Lengefeld, welcher an der alten, von Annaberg nach Freiberg führenden Hauptſtraße liegt, früher Silberstraße genannt, weil auf ihr die Silbererze aus dem Obererzgebirge nach den Schmelzhütten im Muldenthale gebracht wurden, in einer Länge von beinahe ¾ Std. an einem Bergabhange bis nahe an das ſo ſchöne, romantiſche Flöhathal herab. Es bildete vielleicht ehemals der Ort ein langes Feld und erhielt dadurch den Namen „Langesfeld“, woraus dann ſpäter der Name „Längefeld“, dann „Lengefeld“ entſtand, oder aber Lengefeld erhielt ſeinen Namen davon, daß der einſtige Grund und Boden, auf dem ſich Lengefeld erhob, vom „Lehngute“, deſſen Gebäude ſicher da geſtanden haben, wo jetzt das Haus des Herrn Kaufmann Anton Reiche, früher Dr. Glänzelſche Haus, an deſſen Grenzen ſich der Lehngutsweg hinzieht, ſteht, abſtammte und daß es urſprünglich wohl

„Lehnsfeld“ oder „Lehnfeld“

woraus ſich dann ſpäter der Name Lengefeld gebildet, geheißen hat.

Wie ſchon eingangs Erwähnung geſchehen, ſind nur ganz dürftige Nachrichten aus der früheren Geſchichte Lengefelds auf uns gekommen. So viel predigen aber die vergangenen Zeiten, daß die meiſten ſeiner Bewohner, wie faſt überall in den ſächſiſchen Hochlanden, im 16ten und 17ten Jahrhundert durch arge Verheerungen, vielfache Drangſalen, gewaltige Kriegsſtürme und ſchreckliche Seuchen heimgeſucht worden ſind.

Was letzte angetrifft, ſo wüthete in den Jahren 1582, 1585, 1589 und beſonders in dem Jahre 1599 die Peſt, der „ſchwarze Tod“ genannt.

In den Jahren 1637 bis 1643 graſſirte ſie wieder in ſchrecklicher Weiſe, ſo daß viele Bewohner dieſer furchtbaren Geißel zum Opfer fielen, indeſſen am Aergſten hauſte ſie im Jahre 1680. Vergebens hatte ſchon der verſtorbene Churfürſt Georg II. die Wege nach Böhmen verſperren laſſen, es zeigten ſich hier und da Spuren der Anſteckung und in einigen Orten des Gebirges erreichte ſie vom Monat September an eine ſo furchtbare Heftigkeit, daß ſie faſt verödeten, während mitten unter ihnen einzelne Dörfer und Städtchen verſchont blieben, da die noch unangeſteckten auf’s Sorgfältigſte vor aller Verbidung mit den angeſteckten geſchützt wurden, wodurch das Loos der von der Peſt eimgeſuchten Orte, welche nun gleich einſamen Inſeln von aller Verbindung mit der übrigen Welt abgeſchloſſen daſtanden, um ſo trauriger wurde. Im ganzen Hochlande litt von dieſer Peſt, deren Spuren ſich durch das ganze Land auch in der Lauſitz, wo allein in Camenz 1200 Menſchen ſtarben, nachdem ein Dresdner Bürger dort übernachtet hatte, zeigten, kein Ort ſo viel als Marienberg und Lengefeld. In Marienberg ſtarb am 29. Juni 1680 der erſte Peſtkranke und nun nahm daſelbſt die Peſt ſo überhand, daß bis zum erſten Dezember 555 Perſonen und darunter auch beide Geiſtlichen ſtarben.

In Chemnitz ſtarben nur 132 Perſonen, weil hier der Rath ebenſo wie in Annaberg und Schneeberg ſehr zweckmäßige Anſtalten traf und man die einzelnen Häuſer, worinnen Angeſteckte ſich befanden, von aller Gemeinſchaft mit den übrigen abſchloß und beſondere Perſonen in Pflicht nahm, welche ſich der Pflege, Wartung und Beerdigung der Erkrankten und Verſtorbenen ausſchließlich widmen mußten.

Die gleiche Vorſicht fehlte aber nicht nur in Marienberg, ſondern auch in Wolkenſtein, wo darum auch viel Todte gezählt wurden und beſonders traurig ſtand es um die Gemeinde Lengefeld. Die Peſt war, wahrſcheinlich durch einen Reiſenden, in das Wirthshaus zu Rauenſtein gebracht worden und breitete ſich nun verheerend über Lengefeld aus. Ganze Häuſer ſtarben aus; viele wurden durch Hungersnoth verödet, weil niemand der Geſunden es wagte, den Kranken Nahrungsmittel zuzuführen. Ein Theil der Bewohner flüchtete ſich auf die Felder und in den Wald, erbaute ſich Hütten und hoffte ſo der Wuth der Seuche zu entgehen. Aber die zärtliche Beſorgniß für krank zurückgebliebene Angehörige trieb Einzelne an, von Zeit zu Zeit die Zurückgelaſſenen zu beſuchen und die Verſtorbenen zu begraben. Da zog dann ſelbſt in dieſe Hütten die Peſt ein und nicht ſelten fand man hier Todte, welche ſchon der Fäulniß nahe durch den Geruch der Verweſung das Uebel über die benachbarten Hütten verbreiteten. Der damalige Pfarrer Major verlor ſein Weib und die einzige Tochter, und als auch ſein Knecht und die Magd ein Opfer der Seuche geworden waren, ſtand er einſam im weiten, leeren Pfarrhauſe. (Die jetzige Pfarrwohnung wurde im Jahre 1730 erbaut.) Mit dem Gedanken an den eigenen Tod wollte er noch einmaö das heilige Abendmahl genießen. Sein Beichtvater war der Paſtor zu Lauterbach; aber dieſer wagte nicht, an dem Unglücksort zu erſcheinen. Da hörte der Paſtor Römmler in Lippersdorf von dem Verlangen ſeines Amtsbruders, und weil er ſich nicht nach Lengefeld wagte, trafen ſich die beiden Geiſtlichen auf dem Wege zwiſchen Reifland und Lippersdorf und feierten im Freien das heilige Mahl. Ein Stein, auf welchem ein Kelch eingehauen iſt, giebt noch Kunde von jenem ernſten Akt und bewahrt das Andenken an die damalige troſtloſe Zeit.

An Stelle jenes denkwürdigen Steines, welcher noch dortſelbſt befindlich iſt, iſt im Jahre 1880 zur 200jährigen Gedächtnißfeier auf Reifländer Flur knapp an der Reifland–Lippersdorfer Communicationsſtraße ein merkwürdiges Abendmahlsmonument, auch „Peſtdenkmal“ genannt, errichtet worden.

Am 12. September beſagten Jahres fand bei allergünſtigſtem Wetter die Enthüllung dieſes Denkmals unter großer Feierkeit, wozu ſich die Einwohner von Lengefeld, Reifland und Lippersdorf in großer Anzahl mit der Schuljugend eingefunden hatten, ſtatt. Die Mittel hierzu wurden durch veranſtaltete Sammlungen freiwilliger Beiträge, welche bereits ſchon im Jahre 1868 begonnen hatten, beſchafft. Der Maler Profeſſor Carl Schönherr in Dresden, ein Ortskind von Lengefeld, machte ſich hierbei inſofern verdient, als er ein, in einer Vertiefung an dieſem Monument angebrachtes Gemälde, welches die Abendmahlsfeier der beiden Geiſtlichen P. Major und Römmler veranſchaulicht, unentgeltlich anfertigte.

Im niederen Ortstheil von Lengefeld in der Nähe von Schloß Rauenſtein, da wo das vorletzte Haus ſteht, befindet ſich ein großer aufrechtſtehender Stein, bekannt unter dem Namen

„Der hohe Stein.“

Dieſer ſoll zum Andenken an die gräßliche Peſt, welche nach dem 30jährigen Kriege in Lengefeld und Umgebung wüthete, geſetzt worden ſein. Es knüpft ſich daran folgende Sage:

„Es war nämlich in Lengefeld die Peſt ausgebrochen und dermaßen heftig, daß der Ort von der Umgebung völlig abgeſperrt ward. Nun war aber in Reifland ein junger Mann, der die Enkelin des Pfarrers zu Lengefeld zur Braut hatte. Dieſer hatte gehört, man bekomme in Freiberg einen Peſteſſig, welchen der dortige Todtengräber aus Kräutern bereitete. Er eilte alſo dorthin, verſchaffte ſich eine Flaſche davon und ſchlich ſich mit Lebensgefahr durch den Militärcordon, weil er gehört hatte, der Vater ſeiner Braut ſei mit der Peſt erkrankt. Zwar kam er zu ſpät, allein es gelang ihm doch, dieſe ſelbſt, ihren Großvater und viele Andere damit herzuſtellen, bald verſchwand die furchtbare Seuche und nachdem die Sperre aufgehoben war, beſchloß man in Lengefeld und dem nahen Reifland eine Art Wiederſehens- und Auferſtehungsfest auf der Mitte des Weges zwiſchen beiden Orten zu feiern.“ Dies that man auch, und jener Stein bewahrt noch heute das Andenken an jene ſchauervolle Zeit.

Gegen 500 Opfer waren in unſerer damals nicht gerade volkreichen Gemeinde der verderblichen Seuche anheimgefallen. Im Winter verlor ſich die Seuche, wie man glaubte, gänzlich und als im ganzen Lande auch im Frühling des nächſten Jahres nichts von ihr bemerkt wurde, da feierte man in allen Kirchen gerührt ein Dankfeſt. –

Im 30jährigen Kriege von 1618 – 1648, welcher Deutschland zum Tummelplatz fremder Heere machte, ganz ganz erſchrecklich zerrüttete und ſtsstlich, gewerblich un in ſittlicher Hinſicht auf’s Schwerſte ſchädigte, hauſten auch hier zu verſchiedenen Malen kaiſerliche und ſchwediſche Soldaten, forderten ſtarke Contributionen und brachten Angſt und Jammer über ſeine Bewohner.

Am 10. März 1635 kamen z. B. etliche Hundert Schweden nach Langefeld, plünderten es rein aus, nahmen Vieh und Getreide weg, erbrachen die Kirche und ſtellten ihre Pferde darein. Die Einwohner hatten ſich zum größeren Theile noch in das durch Mauern geſchützte Marienberg flüchten können. Diejenigen aber, welche in die Gewalt der Feinde geriethen, wurden unmenſchlich gemartert und ihrer ſämmtlichen Kleidungsſtücke beraubt. Nicht umſonſt hat wohl damals das „Marterbüſchel“ (Ortstheil von Lengefeld,) ſeinen Namen erhalten, und mancher anderer Ort erinnert uns heute noch ernſtmahnend an die Trübſal jener Zeit.

Am 14. März 1635 ferner nahmen nur 3 ſchwediſche Reiter das verlaſſene Schloß Nieder-Lauterſtein ein und zündeten es an, ſodaß es ſeit jenem Tage in Schutt und Trümmern liegt.

Im Jahre 1639, wo die Schweden ein ganzes Jahr in dieſer Gegend und im nahen Böhmen lagen, und viel Raubens und Plünderns trieben, verließen viele Bewohner ihre Hütten und der damalige Pfarrer Major, der Vater von dem obenerwähnten Major, flüchtete auch an verſchiedene Orte, ſo daß, wie er ſelbſt im Kirchenbuche bemerkt, während dieſer Zeit manche Geburten, Sterbefälle und Trauungen nicht in die Kirchenbücher eingeſchrieben wären.

Auch der 7-jährige Krieg (1756 – 1763) ging nicht ſpurlos an Lengefeld vorüber. Nicht nur, daß es viel von Contributionen zu erleiden hatte, ſondern es wurde auch mehrfach von Durchmärſchen und Einquartierungen heimgeſucht. Noch im Januar 1762 z. B. mußte Lengefeld binnen 8 Tagen 110 Thlr. Execution und über 1200 Thlr. Brandſchatzung aufbringen. Zwei Tage vor Lichtmeß (2. Febr.) kam eine Verfügung, inhalts welcher je eine Hufe Land, deren in Lengefeld 22 gerechnet wurden, 1 Ochſen und dazu 60 Thlr. Geld zu liefern hatte. Im ganzen wurden aber nur 18 Ochſen geliefert, da mehrere nicht zu beſchaffen waren. Das benöthigte Geld wurde, da kein Geld in Lengefeld aufzutreiben war, in Freiberg, woſelbſtvorher die erforderliche geweſenen Gelder geborgt worden waren, geliehen. Dazu kam noch am 10. Februar eine weitere Ordre, nach welcher die Abgaben auf’s Jahr 1760 zu bezahlen waren. Nebenbei mußte Lengefeld noch 3 Rekruten zum Militär ſtellen und je ein Hüfner hatte 20 Scheffel Hafer und und 20 Centner Heu zu liefern. Denn während des Winters ſtand ein Kommando Reiter als Einquartierung in Lengefeld.

Zur Zeit des Friedensſchluſſes betrug die der Stadt Lengefeld erwachſene Kriegsſchuld 16 000 Thlr. Der Reſt der erwachſenen Kriegsſchuld von annoch 1000 Thlrn. wurde im März 1770 vollends durch das „Hufengeld von den Bauern“ bezahlt.

Als nun das Geld auf ſeinen Werth 1763 herabgeſetzt wurde, da verringerte ſich um zwei Dritttheile das Eigenthum, denn wer 300 Thlr. preuß. Geld hatte, hatte nun auf einmal nur 100 Thlr. – Wer während des Krieges z. B. 300 Thlr. in preußiſchem Gelde ausgeliehen hatte, mußte nun mit 100 Thlr. ſich begnügen. Im Umlauf war nur an Geldmünzen das Leipziger 8-Groſchenſtück („Ephraimiten“ genannt, weil ein Jude Ephraim in Leipzig das Münzgeſchäft übernommen hatte) und der Groſchen. In Folge des Sinkens des Geldes wurden für ein 8-Groſchenſtück, 3 Groſchen und für 1 Groſchen, 3 Pf. gezahlt. Wer noch einige Erſparniſſe hatte, mußte auch daran noch Verluſt tragen.

Kaum hatte das Erzgebirge ſich von den Kriegsunruhen etwas erholt, als im Jahre 1771 in Folge eines allgemeinen Mißwachſes eine Theuerung eintrat, wie es ſie noch nicht erfahren hatte. Der Scheffel Korn ſtieg damals bis auf 10 Thlr. und war dafür noch nicht einmal zu erlangen. Da griffen Viele zu den unnatürlichſten Nahrunsgmittels, um das Verlangen nach Nahrung, den Hunger zu ſtillen. Gingen doch während der Theuerungsjahre 1771 und 72, in welch’ letzterem Jahre der Scheffel Korn bis auf 16 Thlr. ſtieg, die heiſigen Einwohner auf’s Feld, laſen und gruben Wurzeln, dörrten ſolche und ließen ſie unter das Getreide mahlen. Viele Leute wurden vom Genuß des aus ſolchem Mehl hergeſtellten Brodes krank, viele Leute ſtarben davon, wiederum Andere wurden ein Opfer des Hungertodes. Kein Wunder, daß Leute Hungers ſtarben, koſtete doch Ausgangs März 1772 das Pfund Brod 16, 18 und auch 20 Pfennige. Die Kartoffeln, die Hauptnahrung der armen Bevölkerung, koſteten 2 Thlr. bis 3 Thlr. Wöchtenlich ſtarben 8 bis 10 und noch mehr Perſonen in der zu jener Zeit nicht gerade volkreichen Gemeinde Lengefeld.

Der Nahrungsmangel war ein ſo großer, daß viele Leute Gerſte oder hafer, zur Hälfte mit Häckſel vermengt, zuſammen mahlen und zu Brod backen ließen. Ein Augenzeuge, der Ur-Urgroßvater des Verfaſſer dieſer Zeilen ſchreibt in ſeinem Tagebuche: „ſolches Brod ſah’ aus wie Lehmen aus der Grube.“ Weiter ſchreibt derſelbe: „Man ſieht viele Leute gehen, die infolge Nahrungsmangels und Nothleidens ſo ſehr abgezehrt ſind, daß man ſie kaum kennet.“

Krankheiten, welche eine Folge der unnatürlichen Nahrungsmittel wohl waren, nahmen immer mehr und mehr überhand. Es ſtarben in Lengefeld allein in dem Zeitraum vom 1. Januar bis mit Ausgangs Aporil 80 Perſonen. Obwohl man die Sterbeurſache für keine anſteckende Krankheit hielt, ſo blieben doch ſelten einzelne Mitbewohner eines Hauſes davon verſchont, wenn die Krankheit ein Mal daſelbſt Einkehr gehalten hatte.

Die anhaltende Theuerung, die Erwerbsloſigkeit und die Erpreſſungen, welche der Krieg im Gefolge gehabt hatte, hatte dazu geführt, daß im Monat November 1772 nicht weniger als 12 Häuſer nothwendiger Weise gerichtlich verſteigert werden mußten, weil die Grundſtückseigenthümer verſtorben, theils veramt waren. Wie arg die Todesfälle im letzterwähnten Jahre geweſen ſind, beweiſen nachfolgende Zahlen. Es ſtarebn nämlich in der Kirchfahrt Lengefeld 271 Perſonen. Geboren wurden im ſelbigen Jahre nur 27. P. Hering ſchreibt in ſeiner Geſchichte des Sächſ. Hochlandes – „ſtill, ja grabesſtill wurde es in Hunderten von Häuſern, wo Vater und Mutter, wo Sohn und Tochter, wo der Säugling ſtarb an der nahrloſen Mutterbruſt.“ –

Vom November 1771 bis 6. Dezember 1772 wurde in Lengefeld die Bierbrauerei, wie in anderen Städten, gänzlich eingeſtellt, weil die Gerſte einen zu hohen Preis hatte. Dieſelbe koſtete pro Scheffel 7 Thlr. und war außwerdem ſchwerlich zu erlangen. Das Bier zum Verſchank in Lengefeld wurde einſtweilen aus der Brauerei in Zſchopau geholt, in welcher fortgebraut wurde.

Noch am 6. Dezember 1772, an welchem Tage das erſte Mal ſeit der längeren Unterbrechung wieder in Lengefeld grbraut wurde, koſtete von den 6 Scheffeln Malz, welches 3 brauende Bürger vom benachbarten Dorfe Forchheim holten, der Scheffel 4 Thlr. 6 Groſchen.


Im dem Kriege 1813, ſowie im Kriegsjahre 1866 hat zwar die hieſige Gegend weniger gelitten, indeſſen haben immerhin viele und ſchwere Opfer gebracht werden müſſen, zudem ſind auch Jahre des Mißwachſes, der Theuerung und der Geſchäftsſtockung durchzukämpfen geweſen. Trotzdem hat die Stadt der Zeit Rechnung getragen, ihr äußeres Gewand iſt ein freundlicheres geworden, Vieles wurde zu Stande gebracht, wo man wegen Mangel an Mitteln dem Zweifel anfänglich ein Spruchrecht verlieh. Verfaſſer erinnert hierbei beiſpielsweiſe nur an den im Jahre 1862 vollendeten Neubau einer größeren geräumigen Schule; die im Jahre 1859 und 60 erfolget Erbauung eines neuen, den Anforderungen der Neuzeit entſprechenden größeren Brauhauſes; die im Jahre 1868 in’s Werk geſetzte Umgießung des früher unſchön klingenden Glockengeläutes unſerer Kirche und den im Jahre 1885 erfolgten Neubau der hieſigen Kirche.

Der Verfaſſer ſchließt hiermit den erſten Theil der vorſtehenden Nachrichten in der Abſicht, Dasjenige, was unſerem Orte Lengefeld von jener Zeit an bis auf unſere Tage außerdem Bemerkenswerthes betroffen hat, in einem Nachtrage aufzuzeichnen.


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Auszug aus der petrografischen Karte von 1815
Auschnitte der topografischen Karte von 1942